Flinders Island
Eine der beiden großen Inseln zwischen Tasmanien und
dem australischen Festland aufzusuchen, war stets
mein Wunsch gewesen. Zur Auswahl standen "King Island"
und "Flinders Island".
Von "King Island" hatte ich gehört, daß ich sie
unbedingt aufsuchen müsse, wenn ich tolles Essen haben
wolle. Würde mein Sinn mehr nach landschaftlichen Reizen
stehen, solle ich mich für "Flinders Island" entscheiden.
Ich muß gestehen, daß mir die Entscheidung nicht leicht
fiel, denn beides gleichzeitig wäre mir eindeutig am
liebsten gewesen. Doch schließlich entschloß ich mich für
die landschaftlich interessantere Insel.
Die Anreise nach Flinders Island gestaltet sich ein wenig
schwierig, auch wenn in den letzten Jahren mehr
Transportmöglichkeiten hinzugekommen sind. Dennoch dürfte das
Flugzeug das wichtigste Fortbewegungsmittel sein, gefolgt
von einer neu eingesetzten Fähre oder diversen Fischerbooten.
Da das Übersetzen mit der Fähre unschlagbar preisgünstig ist,
wollte ich erst auf diese Weise anreisen, doch war die
Fähre bis in ferne Zukunft ausgebucht. Einen Fischer zu fragen,
ob ich mitfahren könne, wollte ich meinen Magenwänden nicht
antun und so fand ich mich schließlich in Hobart in einem
Reisebüro wieder.
Nach Sichtung der Angebote, buchte ich schließlich
eine fünftägige Reise mit Flug, Unterkunft und Mietwagen.
Der Mietwagen war mir bei dem ganzen sehr wichtig, denn mit
seinen 127.400 ha ist Flinders Island eine Insel, die zu Fuß
und ohne öffentliche Transportmittel kaum zu erkunden ist.
Auch ist sie damit die größte Insel in einer Kette von bis
zu 80 Inseln zwischen Tasmanien und dem Festland Australiens.
Mit 1000 Einwohnern ist die Insel nicht gerade überbevölkert.
Die Haupteinnahmequellen stellen Tierhaltung, Fischen und der
Tourismus dar.
Mein Flieger sollte Hobart um 6 Uhr morgens verlassen. Dies
stellte mich vor ein kleines Problem, denn der Shuttel zum
Flughafen kam erst kurz vor 6 Uhr am Flughafen an.
Daher orderte ich mir für den Morgen ein Taxi.
Als ich am Morgen, ohne meinen Wecker gehört zu haben, die
Augen öffnete, mußte ich feststellen, daß es 05:33 war und ich
das Taxi verpennt hatte.
So schnell wie noch nie in meinem Leben zog ich meine Kleidung
an und schnappte den, am Vorabend glücklicherweise vollständig
gepackten, Rucksack und rannte vor die Herberge, ohne zu wissen
was ich nun machen sollte.
Ich war gerade an der Straße angekommen, als der Shuttel um die
Ecke bog. Man sammelte mich auf, und als ich der Fahrerin mein
Dilemma erläutert hatte, fuhr sie etwas zügiger als sonst zum Flughafen.
So erreichte ich drei Minuten vor sechs den Flieger und konnte
zwar sehr aufgekratzt aber glücklich meine Reise beginnen.
Von Hobart ging es nun in einer sechs-sitzigen Maschine bis nach
Launceston. Dort hieß es den Flieger zu wechseln und schon kurze
Zeit später setzte mein Flugzeug zur Landung auf dem Flughafen
von Flinders Island an.
Bei dieser Landung gewann ich einen guten Überblick über die
gesamte Insel und es schien mir, daß meine Reiseentscheidung
bestimmt gut war.
Am Flughafen wurde ich vom "Cabin Park"-Besitzer, auf dem ich meine
Unterkunft hatte und von dem ich den Mietwagen erhielt, in Empfang
genommen.
Nach ein paar Worten mußte ich mich in den Wagen setzen und uns
beide zum "Cabin Park" fahren. Diese Tatsache findet hier nur aus
einem Grunde Erwähnung, denn ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch
nie ein Fahrzeug für Linksverkehr chauffiert. So kam es, daß die
Fahrt etwas unsanft ausfiel.
In den fünf Tagen meines Aufenthaltes besuchte ich nun sämtliche
Ecken dieser Insel. Ich war erstaunt aus welchen Kontrasten sie
bestand. So gab es Gegenden die völlig flach waren und wo es so
weit das Auge reichte nur Weideland zu sehen gab. An anderen Orten ragten
wilde Berge in die Höhe, wie ich sie noch nie gesehen
hatte. Oder ich hielt mich an Stränden auf die so lang waren, daß ich
kaum ihr Ende sehen konnte. Es war wirklich ein Abenteuer die Insel
zu erkunden.
Während einer meiner Ausflüge, entdeckte ich einen gewaltigen Felsen
an einem der Strände. Er sah wie ein überdimensionaler Backenzahn aus.
Seine Oberfläche schimmerte in rot und weiß und so glatt als
hätte der Mensch sie mühsam von jeder Unebenheit befreit. Wie ich später
erfuhr, nannte sich dieser Fels "Castle Rock".
Auf Anregung meines "Gastgebers" startete ich auch eine Exkursion
durch die Berge Flinders Islands.
Während meiner Wanderung befiel mich der Eindruck, daß nicht viele
Menschen diesen Weg verwendeten, denn er war stellenweise völlig von
dichtem Buschwerk überwuchert und ich mußte aufpassen, nicht den Weg
zu verlieren.
Was andere Touristen betraf, so begegnete einem gelegentlich schon
mal einer, doch dies war eher selten. Besonders, wenn man sich aufmachte
die langen Küsten, über Felsenklippen und Strände hinweg, zu erkunden.
Doch während meiner Wanderung durch diese wilde Berglandschaft verlor
ich ohnedies keinen Gedanken an andere Menschen, so gefangen war
ich von den Eindrücken und der grandiosen Landschaft.
Etwas zwiespältig war mein Gefühl, als ich die Insel nach fünf Tagen
wieder verließ. Zum einen war ich froh, denn ich war die gesamte Zeit
völlig alleine gewesen, aber zum anderen gab es ein Gefühl von
Trauer diese herrliche Insel wieder verlassen zu müssen.
Der Rückflug nach Hobart wurde unerwartet lang, denn es herrschte
Sturm und die meisten Flüge waren storniert oder verlegt worden.
Als das Wetter etwas besser wurde, startete meine Maschine schließlich
doch und nach einem etwas unsanften Flug erreichte ich spät Abends
Hobart.
| Wybalenna Chapel
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